American Gods – Neil Gaimans Götterdämmerung

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American Gods - Alle Bildrechte liegen beim Verlag Bastei Lübbe.
Alle Bildrechte liegen beim Verlag Bastei Lübbe.

Mit American Gods lernt man die USA durch Neil Gaimans Augen kennen. Das ländliche und kleinstädtische Amerika bietet ihm die Bühne für einen göttlichen Konflikt.

Titel American Gods – Directors Cut
Jahr 2015
Autor Neil Gaiman
Verlag Eichborn Verlag
Vom Hersteller empfohlenes Alter ab 12 Jahren

Authentisch Amerikanisch

In der Simpsons Episode Married To The Blob (Staffel 25, Folge 10) helfen Marge und Homer dem Comicbuchverkäufer. Sie führen sein Date aus, ins „coolste“ Restaurant in Springfield. Die japanische Freundin des Comicbuchverkäufers bemerkt treffend, dass die Wände im Grunde mit Müll dekoriert sind. Homer korrigiert sie lächelnd: „Not garbage, americana.“ Wie zum Beweis kippt Hinterwäldler Cletus daraufhin einen Sack Müll in die Mitte des Restaurants,  mit den Worten: „Here’s some more Americana, that bubbled up in the swamp.

Es ist genau diese Szene, die mir durch den Kopf schießt, immer wenn ich an Neil Gaimans Roman American Gods zurückdenken muss. Warum das nicht als Beleidigung gemeint ist, erfahrt ihr hier, aber immer der Reihe nach.

Willkommen im Hinterland

Neil Gaimans Ansporn American Gods zu verfassen, lag in seiner eigenen ersten Reise durch die USA. Als Brite war er ein Fremder in diesem großen Land, mit seinen uferlosen Landschaften und austauschbaren Kleinstädten abseits der endlosen Landstraße. Im Vorwort seines Buchs erwähnt der Autor, dass er die Arbeit an American Gods zum Anlass nahm, sich diese uns Europäern eher unbekannte Seite der USA (wie den Bible Belt) zu erschließen. Vielleicht war es aber auch genau andersherum und das Erschließen brachte ihn dazu American Gods zu schreiben.

Worum es in American Gods geht, habe ich im Wesentlichen bereits in meinem Artikel über die gleichnamige Fernsehserie geschrieben. Nichtsdestotrotz wiederhole ich es an dieser Stelle gern noch mal. Der Held der Geschichte ist der vor Kurzem entlassene Strafgefangene Shadow Moon. Der Tag seiner Freilassung ist bittersüß, denn er geht einher mit der Nachricht über den Tod seiner Ehefrau Laura.

Auf dem Weg nach Hause trifft Shadow den mysteriösen Mr. Wednesday, welcher nicht locker lässt, bis Shadow sich bereit erklärt in seine Dienste zu treten. Zusammen bereisen Shadow und Wednesday das Hinterland der USA, denn ein geheimer Krieg steht bevor.

Arbeit für Zwei

American Gods erzählt vom Kampf der alten Götter, die einst von den Einwanderern aus Europa, Asien, Afrika und dem Nahen Osten in die neue Welt gebracht wurden. Weil sie kaum noch verehrt werden, sind die alten Götter schwach geworden. Nun verlieren sie den Wettstreit mit den neuen Göttern der Medienwelt, Information und des digitalen Zeitalters.

Sein Dienstherr Wednesday macht Shadow zur Schachfigur in diesem Konflikt. Der Held begreift lange Zeit überhaupt nicht, wo er hineingeraten ist und für wen er in Wirklichkeit arbeitet. Dabei wird es jedem Leser, der ein Interesse an Mythologie und Folklore hat, praktisch auf die Nase gebunden.

Ohnehin ist ein Hauptthema des Buches die wahre Natur der Dinge zu ergründen. Trickbetrug und Illusionen spielen eine große Rolle. Shadow Moon selbst hat eine Affinität für Münztricks, bei denen es bekanntlich nicht nur auf Fingerfertigkeit ankommt, sondern auch die richtige Ablenkung gefragt ist. Wednesday ist ebenfalls ein Conman und begeht mit Shadows Hilfe die ein oder andere Gaunerei, um die Reisekasse aufzufüllen.

Langeweile in Lakeside

Die erste Hälfte des Buches hat einen starken Roadtripcharakter, wodurch Shadows Aufenthalte und Wednesdays Treffen mit Verbündenten etwas Episodenhaftes bekommen. Ist ein Reiseziel oder ein Besuch abgehakt, zieht das ungleiche Duo weiter.

Etwa ab der Mitte des Buches parkt Wednesday seinen Schützling in der Kleinstadt Lakeside. Deren Umgebung verlässt Shadow nur auf Anfrage seines Chefs. Das Nest Lakeside ist eine eisklate, aber auch spießbürgerliche Winteridylle, in der Shadow verschnauft. So schön die Ruhe dort für den Protagonisten auch sein mag, mir als Leser kam es so vor, als hätte Gaiman seinen eigenen Helden über mehrere Kapitel auf die Ersatzbank gesetzt. Er wird praktisch von der eigentlichen Geschichte, dem Kampf der Götter, ausgeschlossen.

Natürlich bleibt Shadow in Lakeside nicht ganz untätig. Er liest sich in die Stadtgeschichte ein, lernt seine Nachbarn und Mitbürger kennen, schließt Freundschaften mit dem Sheriff und dem kauzigen alten Mr. Hinzelmann. Etwas Schwung bekommt die Story, als ein Teenagermädchen spurlos aus der Stadt verschwindet und Shadow sich an der Suche nach ihr beteiligt.

Traumhafte Längen

Als Shadow schließlich gezwungen ist Lakeside zu verlassen, fühlte sich das für mich wie ein Befreiungsschlag an, denn endlich mischte er wieder in der eigentlichen Geschichte mit. Shadows Aufenthalt in Lakeside war der mit Abstand langweiligste Teil des Buches. Dennoch muss man es Gaiman zugute halten, wie befriedigend er diesen Teil der Geschichte noch vor dem Ende des Buches auflöst. Denn mit Lakeside baute der Autor eine eigene Nebenhandlung auf, die sich durch ihre Punchline einen zweiten Blick verdient.

In eine ähnlich fade Kerbe schlagen Shadows Träume. Schon früh deuten die Visionen, die er im Schlaf hat auf das große Ganze hin, doch in der Rückschau bleiben sie weitgehend bedeutungslos. Zwar liefert eines seiner Traummotive gegen Ende eine Art Problemlösung für Shadow, aber der Payoff ist nicht ansatzweise so gut wie bei Lakeside. Stattdessen dienen Shadows Träume wohl als Verbindung zu Gaimans Comicreihe The Sandmen.

Mythologisches Sammelsurium

American Gods gibt die USA als kulturellen Schmelztiegel wieder. Es zeigt, an Hand der Götter, wie sich die unterschiedlichen Wurzeln und Vorstellungen aus der alten Welt, in der Neuen verflechten. Mehrere Einschübe erzählen davon, wie einzelne Götter ihren Weg in die späteren USA fanden, darunter Allvater Odin, der Spinnengott Anansi, ein Leprachaun und Papa Legba.

Neil Gaiman widmet sich aber auch der anderen Seite der Medaille. So beschreibt er ein kulturelles Vakuum, das mit buntem, kommerziellen Kitsch gefüllt wird. Als solches liefert es einen schwierigen Nährboden für den Glauben an die Götter. Diese Dichotomie aus mythologischer Vielfältigkeit und kultureller Belanglosigkeit wird durch zwei Orte im Buch verkörpert. Auf der einen Seite gibt es das Haus auf der Klippe, dass gereadezu ohne Sinn und Verstand vollgestopft mit „Sehenswürdigkeiten“ ist, aber den Göttern gute Energie bietet. Auf der anderen Seite gibt es die Mitte Amerikas, eine brachliegende Touristenfalle, die alte und neue Götter gleichermaßen schwächt.

Genau an dieser Stelle sind wir im Grunde wieder bei den Simpsons und Cletus Sack voller „Americana“. Die Götter in American Gods sind angespültes Strandgut, verloren im Ozean der Zeit und in den USA angeschwemmt. Auf ihre Weise gehören sie selbst zum Abfall der Geschichte. Da sie sich ihrer neuen Heimat angepasst haben, verstecken sich manche ihrer Bezugspunkte und Rituale hinter Dingen, die man hierzulande durchaus für kitschigen Müll halten würde.

Ein Buch im Directors Cut

American Gods wurde 2015 als Directors Cut neu aufgelegt. Die Erstveröffentlichung von Gailmans Buch liegt im Jahr 2001. Wo sind also die Unterschiede zwischen dem Directors Cut und der Erstveröffentlichung? Nun die sage und schreibe drei Vorworte, eines speziell für den deutschen Leser, sein Nachsatz und eine angefügte zusätzliche Szene (nach Epilog und Nachsatz des Autoren) scheinen auf den ersten Blick den Grund für den Titel Directors Cut zu liefern.

Recherchiert man allerdings in englischen Reviews, wird man feststellen, dass beide Buchversionen wohl fast deckungsgleich sind. Der eigentliche Unterschied scheint darin zu liegen, dass manche Beschreibung im Directors Cut länger ausfällt und sich dieser Umstand über die Gänze der gleichbleibenden Handlung auf ein Plus von 12.000 Wörtern im Englischen summiert. Es handelt sich also um eine Detailfrage und um nichts Plotentscheidendes.

Ein göttliches Vergnügen?

Mit American Gods hat Neil Gaiman ein wunderbar fantasiereiches Buch über das Leben der Götter in unserem Zeitalter verfasst. Leider kam er nicht umhin, ein paar Längen in die Handlung einzuweben, mit denen er weniger interessierte Leser leicht verlieren kann. Sein Hang zum Unnötigen spiegelt sich in der allerletzten Szene des Buches wieder, die bloße Dreingabe ist. Nichtsdestotrotz ist American Gods ein spannendes Buch. Obwohl man mir die Handlung zuvor nachhaltig gespoilert hatte, bot es genug Wendungen auf, um mich am Ende doch noch in seinem Bann zu halten.

Alle Bildrechte liegen beim Verlag Bastei Lübbe.

Hier die Bewertung der MovicFreakz – Redaktion:

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