Geralt von Riva | The Witcher – Eine Geschichte in zwei Medien

In den letzten Jahren hat sich die Geschichte über Geralt von Riva, zu einem weltweit bekannten Fantasyepos gemausert. Dabei halfen vor allem die Videospiele.

Gute Zeiten

Freunde des Fantasy-Genres hatten in den letzten Jahren viel Glück, denn das Genre hat abseits von Büchern und Spielen viel Aufmerksamkeit erhalten. Die prominentesten Beispiele hierfür sind vor allem die „Der Herr der Ringe“- und „Der Hobbit“- Verfilmungen, denen die Adaption von „Ein Lied von Feuer und Eis“ als Fernsehserie „Game of Thrones“ gegenübersteht.

Game of Thrones“ ist gerade wegen seiner Intrigenspiele oder dem allgemein finsterem Hochmittelalter-Hintergrund, abseits des märchenhaft anmutenden Tolkien-Stoffes, sehr beliebt. Die Bücher, DVDs und Spiele-Umsetzungen dieser beiden Genregrößen verkaufen sich seither wie geschnitten Brot.

Doch gibt es noch eine weitere Fantasy-Buchvorlage, deren Adaption als Videospielreihe den Sprung in den Mainstream geschafft hat. Die Rede ist von „The Witcher“, eine Rollenspielreihe die in den vergangenen Jahren große Erfolge feiern konnte und mit dem letzten Addon „The Witcher 3 – Blood and Wine“ vorerst ihr Ende fand.

Das Wort Adaption ist hierbei allerdings nur begrenzt zutreffend, denn auch wenn die Spiele die Welt der Bücher adaptierten, so handelte es sich eher um die Fortsetzung einer Geschichte die in den Bücher im Grunde bereits abgeschlossen war.

The Witcher“ basiert auf den „Wiedzmin“ oder eingedeutscht Hexer-Romanen des polnischen Autors Andrzej Sapkowski und erzählt im wesentlichen die Geschichte von Geralt von Riva. Das Setting lässt sich dabei irgendwo zwischen „Herr der Ringe“ und „Game of Thrones“ einordnen. Eine brutale, mittelalterliche Fantasywelt, samt politischem Intrigenspiel, in der allerdings auch Elben, Zwerge und verschiedenste andere Wesen leben, die der nordischen Mythologie und der slawischen Folklore entnommen wurden. Sapkowski würzte das Ganze mit den Abgründen der menschlichen Natur, Habgier, Rassismus, Verbrechen und Unrecht aller Art.

The Witcher 3 - Rechte DEWitcher bei Facebook (CDProjectRed)

Die Welt des Hexers

Geralt von Riva ist ein Hexer. Bei Hexern handelt es sich nicht etwa um Hexenmeister oder schlicht eine männliche Variante des uns bekannten Hexenbildes, sondern um eine Zunft von Monsterjägern. Diese könnte man durchaus als eine Art Orden von Kriegermönchen bezeichnen, würde den Hexern nicht jede sakrale Basis oder Religion fehlen.

Im frühen Kindesalter wurden einzelne Jungen, aus den verschiedensten Gründen, von ihren Familien durchs Land ziehenden Hexern überlassen, die sie daraufhin in ihre Schulen brachten. In diesen Schulen, wie z.B. der Wolfsschule in der alten Festung Kaer Morhen, wurden die Jungen in verschiedenen Fächern wie Schwertkampf, Kräuterkunde, einfacher Runenmagie, Alchemie oder Anatomie und Lebensweisen verschiedener Monster ausgebildet. Erreichten diese Jungen ein gewisses Alter unterzog man sie einer Mutation, der sogenannten Kräuterprobe. Wer die tagelangen Qualen der Kräuterprobe überlebte, besaß von nun an eine Physiologie, die normalen Menschen überlegen war. Die Mutanten waren im allgemeinen schneller, stärker und belastbarer als zuvor. Zudem waren ihre Körper in der Lage, die für Normalsterbliche giftigen Hexertränke zu verarbeiten, welche die Leistung einzelner Organe während der Wirkungsdauer noch einmal steigerten.

Für diese Überlegenheit zahlten die Hexer allerdings einen Preis. Viele veränderten sich äußerlich, bekamen z.B. Pupillen die an Katzenaugen erinnerten oder graues Haar. Jeder Hexer wurde zudem durch diese Prozedur unfruchtbar- ein Preis, den in der Romanwelt auch Zauberer und Zauberinnen für die Anwendung höherer Magie zahlen müssen.

War ihre Ausbildung beendet, erhielten die ehemaligen Schüler ein Medaillon mit dem Zeichen ihrer Schule, das durch die Energien von Flüchen, mystischen Orten oder besonders magische Monster zu zucken begann. Auch gab man ihnen zwei Schwerter auf den Weg mit, eines aus Stahl, eines aus Silber.

Danach zogen die frischgebackenen Hexer in die Welt um ein weitgehend nomadisches Leben zu führen. Ihre Bestimmung war es, von Ort zu Ort zu reisen und den Menschen sowohl mit dem erlernten Wissen, als auch dem Silberschwert gegen gefährliche Monster zu helfen oder sie vor Flüchen und Geistern zu bewahren.

Allerdings riskierte kein Hexer sein Leben aus purer Herzensgüte. Bevor sich ein Hexer an die Arbeit machte, schloss er einen Vertrag mit Einzelpersonen wie Fürsten und Händlern oder einer Dorfgemeinschaft, die den Monsterjäger nach getaner Arbeit entlohnen sollte.

Was sich auf den ersten Blick anhört wie ein „Held zum Mieten“ birgt auf den Zweiten wesentlich mehr Sprengstoff. Denn so kam es immer wieder vor, das man dem Hexer, nach in Inanspruchnahme seiner Dienste, den verhandelten Lohn vorenthalten wollte. Die Freude über die Befreiung von einer Plage wich in vielen Fällen schnell dem Geiz und der Abscheu. Vorwürfe wurden laut, die Hexer würden die Not der Menschen ausnutzen, oder gar für sie verantwortlich sein. Man beschimpfte die Hexer als Missgeburten, wünschte sie zum Teufel.

In diesen Fällen machten die Monsterjäger Gebrauch von ihrem Stahlschwert, erzwangen sich ihren Lohn oder statuierten wenigstens ein warnendes Exempel. Dieses Leben führt auch Geralt von Riva. Der wegen seiner Haarfarbe der weiße Wolf genannt wird.

Der internationale Erfolg

Sapkowski hatte die gesamte Geschichte um Geralt bereits in den 90er Jahren in fünf Romanen und drei Kurzgeschichtensammlungen auf polnisch niedergeschrieben. Nur zwei der Kurzgeschichtensammlungen fanden ihrer Zeit auch den Weg ins Deutsche. Da die ersten Übersetzung hier allerdings ein Schattendasein fristeten, dauerte es bis 2011, dass auch die deutschsprachigen Fans die gesamte Geschichte um Geralt lesen durften.

Der neue Erfolg der Bücher lässt sich im Kontext des Erscheinens der Videospiele erklären. Auf den Werbeseiten am Ende der deutschen Neuauflage von „Der letzte Wunsch“ ( 2007 ) fand sich bereits Werbung für das damals im Entstehen begriffenen „The Witcher“ von CDProjectRed.

Als das Spiel im selben Jahr erschien, war es unter Rollenspielern, trotz sehr guter Bewertungen, anfangs noch fast eine Art Geheimtipp. Dennoch generierte es ein gesteigertes Interesse an den Romanen. Mit dem zweiten Teil der Videospielreihe gingen 2011 auch die Verkäufe durch die Decke und Teil 3, der 2015 erschien, gilt heute in einigen Kreisen als neuer König des Fantasy RPG Genres.

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Die Geschichte der Bücher

Die Erzählweise der Geschichte um den Hexer erscheint wie eine Mischung aus Märchen und Spaghettiwestern. Oft reitet Geralt einsam von Ort zu Ort und erlebt Abenteuer, die uns aus unserer Kindheit bekannt vorkommen. So geht es in der Geschichte „Das kleiner Übel“ um eine junge Adelstochter, deren Mutter mit Hilfe eines Zauberers mehrfach versuchte sie umzubringen. Das Mädchen floh von zu Hause und schloss sich unterwegs einer Bande von sieben Banditen an. Mit Hilfe dieser Männer sucht die inzwischen junge Frau nun nach Rache an ihren einstigen Peinigern.

In Sapkowskis Beschreibungen ihres Lebens und der Frau selbst lassen sich immer wieder Motive des Märchens „Schneewittchen“ finden, welches in Geralts Welt, genauer gesagt durch seine Hand, kein schönes Ende findet und ihm den Titel „Schlächter von Blaviken einbringt.

Sapkowskis Kurzgeschichten über Geralts Leben hängen dabei auch indirekt mit der epischen Handlung der Romane zusammen. So beginnt die Handlung um Geralt und das Mädchen Ciri eigentlich bereits in der Kurzgeschichte „Eine Frage des Preises“ aus der Sammlung „Der letzte Wunsch“ in welcher Geralt auf einem seiner Aufträge am Königshof von Cintra Ciris Eltern zusammenbringt. Später trifft er das Kind zum ersten Mal in der Kurzgeschichte „Das Schwert der Vorsehung“ im gleichnamigen Buch. Ciris und Geralts Schicksal sind durch das Gesetz der Überraschung verbunden- eines der märchenhaften Motive aus den Kurzgeschichten und die Basis der Romane. In diesen nimmt Geralt die Rolle von Ciris Ziehvater an, wird mehr als einmal von ihr getrennt und findet sich schließlich in einem Wettlauf gegen mächtige Fürsten und intriganten Zauberern wieder, die alle Jagd auf das Mädchen machen.

Dies geschieht vor dem Hintergrund eines Krieges. Geralts Heimat, die Länder des Nordens, werden vom mächtigen Nilfgaard aus dem Süden angegriffen und erobert. Dementsprechend gebeutelt sind die Gegenden, welche der Hexer zunächst allein, später in einer anwachsenden Gruppe von Freunden und Verbündeten bereist. Die Straßen sind unsicher, die Schlachtfelder voller leichenfressender Monster wie Ghule oder niederer Vampire, in den Wäldern lauern Partisanen oder Deserteure und jeder Adlige, vom Baron bis zum König, kocht sein eigenes Süppchen. Die Handlung um Geralt und Ciri wechselt sich mit Kapiteln über imposante Schlachten, Politik an den Höfen oder auch Rückblicke durch die Augen späterer Geschichtsschreiber ab.

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Obwohl der Roman „Die Dame vom See“ damals ein zu Tränen rührendes Ende zwischen Tragödie und Happy End bot und Geralts Geschichte abschloss, blieben manche der angeschnittenen Themen ungeklärt. Was hatte es mit der Wilden Jagd und den Roten Reitern auf sich? Was wurde aus Ciri?

Diese Fragen beantwortete uns schließlich die Videospielreihe. Das erste Spiel erzählte eine im Grunde eigenständige Geschichte, die nach den Romanen ansetzte:

The Witcher

Eine kriminelle Organisation namens Salamandra hat die Geheimnisse der Mutation aus den Laboren in Kaer Morhen gestohlen und plant etwas Übles. Geralt reist nach Wyzima, der Hauptstadt des Königreich Temeriens, und folgt dort und im Umland der Stadt den Spuren einer Verschwörung. Dabei gerät er zwischen die Fronten eines Bürgerkriegs, in den der Ritterorden der Flammenrose und eine Scoiatel genannte Miliz aus Elben und Zwergen verwickelt sind.

Geralt leidet dabei an einer Art Amnesie, ihm fehlen die Erinnerungen daran, was nach dem Ende der Romane und vor Beginn des Spiels mit ihm, Ciri oder seiner Liebe Yennefer passierte. Diese Amnesie, verknüpft mit dem Motiv der Wilden Jagd, bleibt dabei aber bis zum Ende des Spiels ein Mysterium.
Die letzte Sequenz des Spiels, in welcher Geralt von König Foltest für seine Dienste entlohnt wird und im letzten Moment ein Attentat durch einen anderen Hexer auf den Monarchen verhindert, wirft sogar völlig neue Fragen auf.

The Witcher 2 – Assassins of Kings

Obwohl dieser Teil ebenfalls eine weitgehend eigene Geschichte erzählt, ist sie nichts desto trotz ein erstes Bindeglied, das die Romane mit der Handlung der Spiele verknüpft und die Bühne für ein großes Finale beider Geschichten bereitet.

Im Laufe des Spiels muss Geralt versuchen, sich von falschen Anschuldigen reinzuwaschen und eine weit größere Verschwörung aufklären. Dabei reist der Hexer den Fluss Pontar entlang durch das Grenzgebiet der Länder Temerien, Redanien, Kaedwen und Aedirn. Erneut wird der Hexer unfreiwillig Teil eines Krieges, der diesmal zwischen Kaedwen und dem Nachbarland Aedirn stattfindet. Zwischen der Jagd auf den wahren Schuldigen und Treffen mit einem geheimnisvollen Gesandten aus Nilfgaard kehren die Erinnerungen des Hexers in Bruchstücken zurück.

Am Ende der Geschichte wird der Spieler Zeuge eines Ereignisses, dass die direkte Konsequenz des Geschehenen ist und das Finale einleitet. Ein großes nilfgaardisches Heer überschreitet den Grenzfluss Jaruga, der Nilfgaard und die, sich nun in chaotischen Zuständen befindenden, nördlichen Königreiche trennt.

The Witcher 3 – Wild Hunt

Aus dem zweiten Teil weiß man inzwischen ungefähr, was mit Geralt und seiner Liebe Yennefer zwischen den Romanen und den Spielen geschehen ist. Währenddessen ist der halbe Norden durch eine neue Invasion der Nilfgaarder gefallen und im Begriff, Teil des Kaiserreichs zu werden. Geralt, der den Hinweisen aus dem zweiten Teil nach dem Verbleib von Yennefer nachgeht, jagt bald auch seiner Ziehtochter Ciri hinterher. Die ihrerseits vor der vermeintlichen Geisterkavalkade der Wilden Jagd flieht. Im dritten Teil werden schließlich die liegengebliebenen Handlungsstränge der Romane aufgenommen, mit den Spielen verknüpft und im großen Finale abgeschlossen.

Geralts Geschichte ist eine lange, spannende Reise, die in zwei unterschiedlichen Medien erzählt wird. Ein weitgehend rundes Gesamtwerk, das in etwas mehr als zwei Jahrzehnten erzählt wurde und über die Vision eines einzelnen Autoren hinausging. Weder die Bücher noch die Spiele mögen perfekt sein, doch in einem Stück betrachtet handelt es sich hierbei um einen extrem spannenden Heldenepos.

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Andrzej Sapkowskis Einstellung gegenüber den Spielen

In Interviews auf die Spiele angesprochen, gab Sapkowski an, dass nur seine Bücher die wahre, also kanonische Geschichte des Hexers erzählen. Er weiß zwar um die Handlung der Spiele und findet sie interessant, sieht sie aber eher als eigene Vision der Entwickler, nicht als Fortsetzung seiner Geschichte. Von einer crossmedialen Erzählung einer zusammenhängenden Geschichte hält er persönlich nichts, anders zum Beispiel als Chuck Palahniuk ( der Autor von Fight Club, der seinen Roman in Comicform fortsetzt ). Er zweifelt daran, dass eine Geschichte in mehr als einem Medium zusammenhängend erzählt werden kann, da für ihn der Wechsel des Mediums auch den Beginn einer neuen, anderen Geschichte markiert. Dennoch respektiert er die Entwickler der „Witcher“- Spiele, auch dafür dass sie versuchten, mit ihm persönlich Rücksprache um Plottwists zu halten.

Während Sapkowski 2012 noch verlautbarte, dass seine eigenen Romane den Grundstein für den finanziellen Erfolg der Spiele gelegt hatten, begrüßt er den Synergieeffekt, den die Spiele ihrerseits auf den Verkauf seiner Bücher hatten, gibt allerdings auch zu bedenken, dass selbst ein Machwerk so schlecht wie der Film „The Witcher“ ( im Deutschen „The Hexer“ ), diesen Effekt hätte.

Im Jahr 2013 veröffentlichte er, vierzehn Jahre nach „Die Dame vom See“, einen neuen Geralt Roman „Zeit des Sturms“, der vor der Handlung der Reihe angesiedelt ist.

Geralt in anderen Medien

Abseits der oben genannten Romanreihe, Kurzgeschichtensammlungen und Spiele gibt es noch andere Medien, die sich mit Geralt von Riva beschäftigen. Die Hexerromane und Spiele bildeten ebenfalls die Vorlage für:

  • mehrere auf ihr basierende Comics
  • die Kurzgeschichtensammlung „Etwas endet, etwas beginnt“ von Sapkowski, die zwei Geschichten zu Geralt beinhaltet, über seine Eltern und seine Hochzeit mit Yennefer
  • ein Pen&Paper Spiel
  • ein Brettspiel
  • ein Kartenspiel namens Gwent/Qwint ( das auch als Minigame Teil von The Witcher 3 war ), in analoger, als auch digitaler Form
  • eine polnische Low budget-Filmserie „Wiedzmin“ von 2001-2002
  • einem Spielfim „Wiedzmin/The Hexer“ der aus mehreren zusammengeschnittenen Folgen der Serie besteht, allerdings eher veröffentlicht wurde als die Serie
  • mehrere LARPs mit den Hexerromanen als Hintergrund, darunter eine Hexerschule in Polen auf Schloss Moschen
  • eine Serie über die Ereignisse aus den Büchern, auf Netflix

 

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