Hollywood im Remake-Wahn?

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Dies hier soll eine Art kleines Editorial oder ein Diskussionsansatz zum Thema Hollywood und Remakes sein. Dabei will ich die Geschichte des Begriffs im Kontext Film klären und dabei auch ein wenig die Wut relativieren, die Remakes heutzutage entgegenschlägt. Also: Ist Hollywood im Remake-Wahn?

Die heutige Filmlandschaft

Remakes, Reboots und Fortsetzungen soweit das Auge reicht, hinzu kommen inzwischen noch die immer populärer werdenden „Shared Universes“ – also Universen, die sich über mehrere Filme erstrecken und bei denen alle Teile dieses Universums miteinander verknüpft sind. Dabei ist das wohl bekannteste und bislang erfolgreichste Beispiel das MCU – das Marvel Cinematic Universe, welches, angefangen mit Iron Man 2008, bis heute auf über 15 Filme kommt und zudem mehrere TV-Serien hat, die ebenfalls Teil dieses Universums sind. Inzwischen hat sich DC mit seinem DCEU angeschlossen und auch Universal hätte gerne mit seinem Dark Universe ein Stück vom großen Franchise-Kuchen ab. Die Transformers sollen ein eigenes bekommen und selbst bei James Bond wurde kürzlich der Gedanke geäußert, man könne doch ein MI-6 Doppelnull-Agenten-Universum aufbauen.

Geschichte des Remakes

Doch in diesem Artikel soll es nicht um die (Comic-)Universen gehen, sondern vielmehr um die scheinbar nicht enden wollende Welle aus Remakes und Reboots bekannter Stoffe, die teilweise seit Jahren in der Popkultur verankert sind. Dabei ist das Remake an sich keinesfalls ein neues Konzept. Streng genommen bekam einer der ersten öffentlich gezeigten Filme überhaupt, Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in Ciotat der Gebrüder Lumiere aus dem Jahr 1895, bereits sehr kurz danach etliche „Remakes“, in denen an anderen Bahnhöfen ebenso die Einfahrt von Zügen dokumentiert wurde. Freilich kann man die 1-Minüter aus dem Jahr 1895 nicht mit komplexen Filmen aus der Neuzeit vergleichen, doch im Kern war es bereits damals so, dass reproduziert wurde was dem Publikum gefiel. Und damals war es bereits eine Sensation überhaupt bewegte Bilder zu sehen.

Gehen wir jedoch ein Stück weiter, sehen wir schnell, dass es auch bei komplexeren Filmen schnell zu Remakes kam, die 1930er und 40er waren geprägt von Remakes in relativ kurzen Abständen, wenn Stoffe sich als erfolgreich erwiesen. Auch wurde oft die Erneuerung der Technik als Anlass genommen einen Stoff neu aufzulegen, so vor allem als der Sprung vom Stumm- zum Tonfilm gemacht wurde, ebenso wie bei der Einführung des Farbfilms.

Selbst große Regisseure wie Alfred Hitchcock haben im Laufe ihrer Karriere Remakes produziert, sogar welche eigener Filme. Hitchcocks The Man who knew too much von 1934 erfuhr, nach Hitchcocks Durchbruch in den USA, 1956 ein gleichnamiges Remake, in dem der Meister des Suspense nach eigener Aussage den Film eines talentierten Amateurs als Profi nochmal neu umgesetzt hat.

Klassiker und Remake?

Das zeigt also, dass die Idee des Remakes so alt ist wie Film selbst und keinesfalls lediglich eine Modeerscheinung unserer heutigen Zeit. Sogar heute als große Klassiker gefeierte Filme wie Carpenters The Thing von 1982, Cronenbergs The Fly (1986) oder de Palmas Scarface (1983) sind letztlich auch „nur“ Remakes von Filmen, die bereits existierten oder Neuinterpretationen literarischer Vorlagen. Beraubt sie ihr Remake-Charakter dabei etwa ihres Klassiker-Status? Ich denke nicht. Es ist vielmehr die Intention, die hinter dem Remake steckt, die den Ausschlag gibt, ob es die Zeit überstehen kann und wird. Und hier sind wir beim Knackpunkt angekommen. Warum erreichen denn viele moderne Remakes nicht mehr die Qualität ihrer Vorgänger? Oder fehlt uns nur die nötige zeitliche Distanz, um die neuen Fassungen korrekt zu bewerten?

Das Problem mit Remakes heute

Schaut man auf die Remakes und Reboots – Neustarts einer Reihe bei 0 sozusagen, gute Beispiele wären James Bond Casino Royale (2006), Rob Zombies Halloween (2009) oder A Nightmare on Elm Street (2010) – die wir in den letzten 10-15 Jahren bekommen haben, wird vor allem eins auffällig: Die wenigsten davon haben das Zeug zum Klassiker. Selten findet sich in den neu aufgelegten Stoffen die Kreativität oder der besondere Funke, welcher die Originale ausmachte. Vergleicht man die 2014er-Variante von Robocop mit Verhoevens 1987er Original fällt schnell auf, dass das Remake keinesfalls stümperhaft gemacht ist und durchaus interessante Aspekte mitbringt. Jedoch liefert es zu keinem Zeitpunkt die provokante Gesellschaftskritik, für die Verhoeven so bekannt ist. Das Remake ist ein kompetenter Film, aber eben kein passionierter. Verhoeven hatte etwas zu sagen, er hat einen Film gemacht, der natürlich auch im Fahrwasser eines Terminator von 1984 die dystopische Technologieangst zum Thema hatte und sicher gewinnorientiert in seine Zeit passte – trotzdem hinderte es den Regisseur nicht daran eine Vision in den Film einzuarbeiten, die bleibende Relevanz besaß.

 

Und genau hier geht vielen der aktuellen Remakes und Reboots ein wichtiger Aspekt ab. Studios legen bekannte Namen oder Marken neu auf, weil sie auf die Nostalgie der Zuschauer bauen. Oder darauf, dass die Neugier darauf, was man wohl mit dieser Neuinterpretation bekannter Stoffe angefangen hat, überwiegt. Doch nicht selten endet dieser Versuch in der Enttäuschung des Publikums, weil die Studios bei all ihren Berechnungen eines nicht haben – Regisseure die wirklich etwas zu sagen haben. Auf jeden Rob Zombie (und man mag von dem Herrn halten was man will, der Ansatz war anders als im Original und dadurch ungleich interessanter als ein 1 zu 1 Remake), der mit seinem Halloween-Remake mit eigenen Akzenten einen Film schuf, der sich klar genug vom Vorbild abgrenzte, um eigenständig zu wirken, kommen gefühlt 3-5 Samuel Bayer (der Mann, der beim Nightmare on Elm Street Remake Regie führte), der mit einer platten Auftragsarbeit praktisch nichts Neues liefert und maximal kopierte, was das Original so besonders machte.

Sieht man es also aus dieser Perspektive ist ein Remake nicht per se etwas Schlechtes, aber über die letzten Jahre hat uns Hollywood beigebracht etwas Schlechtes darin zu sehen. Je mehr bekannte Namen ausgeschlachtet werden, je häufiger der Zuschauer eine lieblose Kopie eines geliebten Klassikers vorgesetzt bekommt – tolles Beispiel hierfür war z.B. Ben Hur 2016, der einfach NICHTS bot, was über Durchschnitt war – desto stärker wird die negative Konnotation des Begriffs Remake. Und desto stärker wird sich die Masse gegen das Konzept sträuben. So dass am Ende nur zu hoffen bleibt, dass mehr Studios den Mut finden Regisseure mit Remakes zu betreuen, die wirklich etwas erzählen wollen und die eine Vision haben, die ein Remake lohnend macht.

Auf dass wir wieder mehr Vertrauen in das Gelingen einer solchen Neuinterpretation setzen können und nicht als Fans jedes Mal mit den Augen rollen müssen, wenn eine angekündigt wird.

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Name: Christian Jendraschek Alter: 31 Bei Movic Freakz seit: August 2017 Aufgabengebiete: Filmkritiken und Editorials Bevorzugtes Genre: Horror, Sci Fi, Thriller Lieblingsfilme: Once upon a Time in the West, Scott Pilgrim vs The World, The Crow, Rocky, The Matrix, The Evil Dead (1981), Hellraiser Über mich: Ich bin 31 Jahre alt, liebe Film in fast allen Formen, bin allerdings kein besonderer Serienjunkie. Neben Film sind meine Hobbys vor allem Gaming und Lesen. Ich sammle zudem Filme und habe inzwischen über 800 daheim

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