Watchmen – Gestalt und Nachleben eines Meisterwerks

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Die Graphic Novelle von Alan Moore, Dave Gibbons und John Higgins ist der gefeiertste Comic aller Zeiten. Warum „Watchmen“ so grandios ist und warum ihre Geschichte noch nicht vorbei ist, erfahrt ihr hier.

Titel Watchmen
Jahr 1986
Autor Alan Moore
Zeichner Dave Gibbons, John Higgins
Verlag Paninicomics
Vom Hersteller empfohlenes Alter ab 14 Jahren

 

Watchmen – Alan Moores Magnum Opus

Anmerkung:

Als ich damit begann diesen Artikel zu schreiben, hatte ich lediglich vor eine Review zur Comicvorlage für Zack Snyders „Watchmen“- Film nachzuliefern. Denn ja, ich bin einer von denen, die erst über den Film mit der Materie der „Watchmen“- Graphic Novelle in Berührung kamen. Mir war allerdings nicht klar, was sich für mich als Comicfan noch alles offenbaren würde. Aus diesem Grund ist der Artikel um vieles länger geworden, als ich selbst vermutete. Der Einfachheit halber werde ich mich auf der ersten Seite auf das Original beschränken und auch nur dieses mit einer Wertung versehen. Ich rate allerdings jedem, auch alle weiteren Seiten zu lesen!

Alan Moore – Der Brite der Amerikas Comics eroberte

Die Comicreihe Watchmen wurde von 1986 bis 1987 veröffentlicht. Als Schöpfer stecken Alan Moore und Dave Gibbons hinter der Graphic Novelle, welche mit einer Vielzahl von Preisen ( z.B. Hugo Award für Science-Fiction), ausgezeichnet wurde. Die Reihe liegt seit 2000 in Form eines Comicbuchs vor.

Als Alan Moore Watchmen schuf, hatte er bereits einige Zeit für DC gearbeitet und war sowohl für den Klassiker Batman – The Killing Joke als auch für mehrere Superman- und Swamp Thing- Comics verantwortlich. Nach der Pleite des britischen Comicmagazins Warrior, veröffentliche Moore später auch sein eigenständiges Werk V – wie Vendetta über DC.

Aus The Question wird Rorschach

Die Arbeit an Superheldencomics brachte Moore auf die Idee, einen neuen bitterernsten und dunklen Twist für diese Art von Geschichten zu suchen. So begann er die ersten Ideen für Watchmen zu entwickeln. In ersten Entwürfen verwendete er damals bereits existierende Figuren aus den Charleston Comics,an denen DC die Rechte hielt: Peacemaker, Blue Beetle, Captain Atom, Thunderbolt, Nightshade und The Question. Die Initialidee des Autors war folgende:

In einer Welt in der Captain Atom, das erste und einzige Wesen mit Superkräften ist, welche Auswirkungen würde dieses Lebewesen auf die Psyche und die religiösen Gefühle der Menschen haben? Um das Szenario so realistisch wie möglich zu gestalten, griff Moore auf den damaligen Zeitgeist zurück, die Untergangsstimmung der 80er. Je mehr die Idee Gestalt annahm, umso weniger war man bei DC darüber begeistert, dass Moore sich bereits etablierter Figuren bedienen wollte, denn viele von ihnen sollten getötet oder emotional verstümmelt enden.

Moore wollte den Leser damit schockieren, in dem er ihre bekannten und beliebten Helden dekonstruierte. Doch der Verlagsredaktuer Dick Giordano überzeugte den Autoren schließlich davon, eigene Figuren zu entwickeln. Damit konnte er sie nah genug an bestehenden Figuren anlegen, so dass sie beim Leser Erinnerungen wecken würden und gewann zusätzlich die Freiheit, sie ganz nach seinem Gusto zu schreiben. So entstand der Figurencast der Watchmen.

Mit freundlicher Genehmigung von Paninicomics.
Mit freundlicher Genehmigung von Paninicomics.

Moby Dick der Comicwelt

Nachdem der Zeichner Dave Gibbons einen ersten Entwurf der Geschichte gelesen hatte, bat er Moore darum an dem Projekt teil haben zu dürfen. Dieser stimmte zu und engarierte zusätzlich den Koloristen John Higgins, dessen ungewöhnlicher Stil ihm zusagte. Als die Arbeiten begannen, stellte Moore fest, dass seine Story gerade einmal lang genug für sechs Ausgaben war, nicht aber für die vertraglich vereinbarten Zwölf reichten. Darum begann er zusätzlich Originsstories ins Skript einzuweben.

Gibbons genoss währenddessen große Freiheit beim Zeichnen. Selbst Moore war von der Detailfülle der Bilder wieder und wieder überrascht. Damit passten sie perfekt in Moores Konzept, da es die Vision des Autoren war, mit Watchmen eine Art Moby Dick des Comic Genres zu erschaffen.

Weltuntergangstimmung

Das Ausgangsszenario des Comics gibt, wie bereits erwähnt, die Stimmung der 1980er Jahre wieder. In dieser Zeit begann die letzte Phase im Rüstungswettlauf zwischen den USA und der Sowjetunion. Angeheizt wurde das Ganze durch einen weiteren Stellvertreterkrieg der beiden Mächte, mit dem Einmarsch der Sowjets 1979 in Afghanistan. Im Comic war die Weltgeschichte bis zu diesem Zeitpunkt bereits etwas anders verlaufen.

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg begannen in den USA maskierte Vigilanten, inspiriert von Comics wie Batman, den Kampf gegen das Verbrechen in ihre eigenen Hände zu nehmen. Dies inspirierte Nachahmer und sorgte, bis zu einem staatlichen Verbot maskierte Helden- dem Keene Act, für zwei Generationen kostümierter Verbrechensbekämpfer. Diese Rächer beeinflussten auch an verschiedenen Stellen den Lauf der Geschichte und die Popkultur. Speziell die Entstehung des scheinbar allmächtigen Wesens Dr. Manhatten war das Ergeinis, welches die Weltgeschichte von Watchmen am stärksten von unserer abhob.

So sorgte Dr. Manhatten für den Sieg der USA in Vietnam, während vage impliziert wurde, dass einer seiner menschlichen Heldenkollegen das Kennedy-Attentat verübte. Zum Zeitpunkt der Handlung steckt Präsident Nixon gerade mitten in seiner dritten Amtszeit und der sowjetische Einmarsch in Afghanistan überreizt die Stimmung zwischen den Mächten so nachhaltig, dass ein Atomkrieg so greifbar wie noch nie ist. Jederzeit rechnet die Bevölkerung mit einem nuklearen Schlagabtausch der Supermächte, der die Welt vernichten wird.

Jemand macht Jagd auf Maskierte

Eines Nachts wird Edward Blake, alias der Comedian, von einem Einbrecher getötet. Dieser Mord tritt die Handlung des Comics los. Rorschach, der letzte aktive maskierte Verbrechensbekämpfer, beginnt im Todesfall seines alten Kollegen zu ermitteln. Dabei zieht der paranoide Rorschach auch seine alten Wegbegleiter in den Fall hinein. Lange bleibt unklar, ob es sich um eine gewaltige Verschwörung oder ein Produkt Rorschachs wahnzerfressenen Verstandes handelt.

Watchmen beschränkt sich nicht auf Rorschach als Protagonisten. Der Comic wird aus den Perspektiven aller lebenden Watchmen erzählt. Teilweise folgt der Leser auch den Leben scheinbar Unbeteiligter. Hin und wieder sieht man den Polizisten über die Schulter, die in Blakes Mordfall nicht weiterkommen oder man erfährt etwas aus dem Eheleben eines Gefängnispsychaters.

Regelmäßig zeigt der Comic das Treiben an einem New Yorker Zeitungstand. Während der Besitzer sich mit der täglichen Kundschaft unterhält, liest ein Junge den Comic Black Freighter, dessen Handlung man teilweise in eigenen Zeichnungen verfolgt oder nur in Textboxen. Die Hauptfigur in Black Freighter nimmt dabei Parallelen zum Charakter des Watchmen Ozymandias ein. Auf dem Zenit der Haupthandlung treffen all diese Nebenplots in den Straßen von New York zusammen.

Mit freundlicher Genehmigung von Paninicomics.
Mit freundlicher Genehmigung von Paninicomics.

Organisierte Bildgewalt

Der Zeichenstil in Watchmen ist zeitgemäß für die späten 80er Jahre. Besonders auffällig ist allerdings der große Detailreichtum im Hintergrund. Zu den Graffitis und Schriftzügen auf den Straßen gesellen sich auch die Silouetten bekannter Figuren, so das man beim zweiten Lesen überrascht ist, wer sich beispielsweise noch in einer Szene herumtreibt.

Ein großes Thema im Comic ist Higgins Farbeinsatz. Viele Panels werden von einer oder zwei Farben dominiert. Dabei kommen meist Mischfarben (Sekundär- und Tertiärfarben) zum Einsatz. Durch die exotische Farbpalette erhält der Comic eine ungewöhnliche Lichtstimmung.

Eine Seite von Watchmen ist standartmäßig in neun Panels aufgeteilt, die jeweils in drei Reihen nebeneinander und in drei Reihen untereinander angeordnet sind. Dieses strenge Schema wird an mehreren Stellen aufgebrochen. Dazu wird z.B. eine Dreierreihe durch ein besonders großes Panel ersetzt. Mit dieser Technik werden besonders wichtige Momente der Handlung hervorgehoben und ihre Bedeutung für den Leser noch einmal unterstrichen. Auf dem Höhepunkt des Comics zeigen mehrere Seiten hintereinander jeweils nur ein großes, enorm detailliertes Panel.

Jede Menge Text

Als weiteres Stilmittel band Alan Moore Seiten fiktiver Bücher und Zeitungen in Watchmen ein. So kann man zwischen den Kapiteln Auszüge aus Hollis Masons Roman Unter der Maske lesen- ein psychatrisches Gutachten über Rorschach, Ozymandias Merchandisepläne oder Anfeindungen und Verschwörungstheorien aus der rechten Zeitung Der Neue Grenzwächter.

Dadurch erfährt man mehr über die Figuren und die Stimmung der Zeit. Der erste Niteowl sah sich und die anderen Minutemen beispielsweise im Rückblick als militante Nazis. Diese Art Einschübe behält Moore bis heute bei, z.B. in Form von Briefwechseln oder Tagebucheinträgen in seiner aktuellen Reihe Providence.

Mit freundlicher Genehmigung von Paninicomics.
Mit freundlicher Genehmigung von Paninicomics.

Ein bereuter Deal

Moore spekulierte darauf, dass er und Gibbons die Rechte an Watchmen und den Figuren erhielten, sobald DC aufhören würde es zu veröffentlichen. Eine entsprechende Klausel war, seines Erachtens, im Vertrag mit DC aufgesetzt worden. Allerdings wurde Alan Moore an dieser Stelle zum Opfer seines eigenen Erfolgs, da der Comic so erfolgreich wurde, dass DC seinen Druck bis heute nicht einstellte. Entsprechend fühlte sich Moore nach mehreren Jahren des Wartens vom Verlag über den Tisch gezogen. Letztlich beschloss er, nie mehr für DC zu arbeiten.

Stattdessen versucht er einen gewissen emotionalen Abstand zwischen sich und die Marke Watchmen zu bekommen. Als Watchmen verfilmt wurde, sorgte er dafür, dass sein Name nicht in die Credits kam. Auch veranlasste er, dass sein Teil der Tandiemen für den Film an Dave Gibbons ging. Angeblich hat er den Film bis heute nicht gesehen. Wobei er es mit den anderen Verfilmungen seiner Comics (From Hell, Liga der Außergewöhnlichen Gentlemen und V – Wie Vendetta) ähnlich hält.

Fazit

Watchmen wird seinem Ruf als geniales Meisterwerk gerecht. Verschiedene Plots die anfangs nicht weiter auseinander liegen könnten, verbinden sich auf geschickte Weise und werden gemeinsam aufgelöst. Die klassisch gewordene Figur des maskierten Helden wird dekonstruiert und entzaubert. Der Artstyle, der schon damals durch seine Kolorierung exotisch wirkte, ist in Würde gealtert, stößt neue Leser aber auf den ersten Blick möglicherweise etwas ab.

Es ist schier unglaublich wieviel Popkultur, Politik und andere Aspekte der US-amerikanischen Gesellschaft seiner Zeit dieser Comic aufgreift. Tatsächlich ist es unmöglich, alles was in Watchmen steckt, schon beim ersten Lesen zu erfassen. Bevor ich mich noch in weiteren Lobeshymnen verliere, fahre ich lieber damit fort unter die Oberfläche des Stoffs zu tauchen.

Hier die Bewertung der MovicFreakz – Redaktion:

Geschichte
Zeichenstil
Charaktere
Stimmung
Spannungsbogen
Durchschnitt:
Hier könnt Ihr den Comic nun bewerten:
Geschichte
1
Zeichenstil
1
Charaktere
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Stimmung
1
Spannungsbogen
1
Durchschnitt:
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Watchmen – Alan Moores Magnum Opus Seite 1
Watching The Watchmen Seite 2
Before The Watchmen Seite 3
DC Rebirth Seite 4
Bonus: Watchmen der Film zum Artikel

Alle Bildrechte liegen bei Paninicomics.

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