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Rückenwind von vorn

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Auf der diesjährigen Berlinale feierte Rückenwind von vorn seine Weltpremiere. Regisseur Philipp Eichholtz gelingt dabei trotz (oder wegen?) fehlenden Drehbuchs ein erfrischender und warmherziger Film über das Erwachsensein/-werden.

TitelRückenwind von vorn
Jahr2018
ProduktionslandDeutschland
RegiePhilipp Eichholtz
Drehbuch
GenreKomödie/Drama
DarstellerVictoria Schulz, Aleksandar Radenković, Angelika Waller, Karin Hanczewski
Länge80 Minuten
FSKbeantragt
VerleihDarling Berlin
Poster "Rückenwind von vorn" © Darlin Berlin
Poster “Rückenwind von vorn” © Darlin Berlin

Die Genrebezeichnung Coming of Age mag vielleicht nicht ganz treffend zu sein, doch scheint mir der Begriff dennoch im weitesten Sinne gar nicht so unpassend. Zugegeben, wir begleiten in Rückenwind von vorn keine Teenager auf ihrem Weg ins Erwachsenwerden, doch steht diese Problematik um einige Jahre verschoben durchaus im Blickpunkt des Interesses. Ab wann ist man eigentlich erwachsen?

Inhalt

Die Berlinerin Charlie (Victoria Schulz) findet es verdammt schwer, die Erwartungen ihres Umfelds und ihre eigenen auseinander zu halten. Ihr Freund Marco (Aleksandar Radenković) möchte ein Kind, und ihr Kollege Gerry (Daniel Zillmann) mutmaßt ganz ungefragt: „Fünf Jahre zusammen? Na, da seid ihr doch bestimmt bald zu dritt…?“ Doch Charlie ist sich überhaupt nicht sicher: Ist das schön, ein Kind zu haben, oder verschwindet sie selbst dabei mit ihren Bedürfnissen? Charlie wird in ihrem Beruf als Lehrerin ganz schön gefordert und so richtig gut läuft es mit Marco gerade nicht. Dabei war am Anfang alles so wunderbar leicht und spontan. Sie hätte gern wieder etwas von der Aufregung von früher, als sie bis in den Morgen tanzen ging.

Anderen fällt das leichter: Gerry kauft sich einen Wohnwagen und will sich Richtung Balkan treiben lassen, ihre beste Freundin bricht mit dem Rucksack nach Asien auf. Und dann wird auch noch Charlies geliebte, lebenslustige Oma (Angelika Waller) krank. Ist es so, das Erwachsen sein?

Ich bin ziemlich unbedarft an Rückenwind von vorn herangegangen. Bewegtes Material hatte ich vor der Sichtung nicht angeschaut, sondern kannte lediglich die Inhaltsbeschreibung aus dem Berlinale-Katalog. Ich bin daher tatsächlich auf dem “falschen” Fuß erwischt worden – und das meine ich an dieser Stelle ganz und gar positiv!

Ich muss gestehen, ich gehe an deutsche Produktionen immer ein wenig skeptischer heran. Auch bei Rückenwind von vorn habe ich einen eher etwas gezwungenen wirkenden, vielleicht gar prätentiös auftretenden Film erwartet, wie er in Deutschland durchaus nicht unüblich ist. Die Story klang sehr ernst und bedeutungsschwanger (man möge mir das Wortspiel verzeihen), also habe ich auch erwartet, ein eher tragendes, ernsthaftes Werk voller (pseudo?)philosophischer Tiefe zu sehen. Doch was habe ich mich geirrt!

“Rückenwind von vorn” ist überraschend locker

Versteht mich nicht falsch, die andere Herangehensweise wäre per se nicht zwingend schlecht gewesen. Sicher kann man eben auch auf diese Art einen guten Film über das Erwachsenwerden/-sein drehen. Doch Philipp Eichholtz hat sich anders entschieden und ein überraschend lustiges Werk produziert. Ich habe mich im Kino schon länger nicht mehr so köstlich amüsiert. Und falls ihr meiner singulären Meinung nicht allein vertrauen wollt, so kann ich euch von der (mir unbekannten) Besucherin berichten, die neben mir saß, und sogar Tränen geweint hat vor Lachen.

Rückenwind von vorn ist dabei allerdings keine klassische Komödie, eher könnte man also ‘neudeutsch’ von einer sog. Dramedy sprechen. Zu ernst ist nämlich die grundlegende Handlung eigentlich – und zu ernst ist auch deren Entwicklung. Nicht zufällig hat die bereits erwähnte Besucherin auch an anderen Stellen geweint – dort jedoch nicht vor Freude.

Victoria Schulz (Charlie) und Daniel Zillmann (Gerry) in "Rückenwind von vorn" © Darling Berlin
Victoria Schulz (Charlie) und Daniel Zillmann (Gerry) in “Rückenwind von vorn” © Darling Berlin

Philipp Eichholtz ist ein wirklich erfrischendes Werk gelungen, das Spaß macht und gleichzeitig zum Nachdenken anregt, denn das Gesehene ist schließlich durchaus aus dem Leben gegriffen. Der Zuschauer kann sich in die Figuren hineinversetzen – und das nicht nur in die jeweils eine oder andere. Irgendwie erkennt man etwas von sich selbst in den verschiedenen Protagonisten des Films wieder. Natürlich kommt es darauf an, an welchem Punkt im Leben der Zuschauer sich gerade befindet. Ich selbst bin treffenderweise ungefähr genau in dem Alter wie die Hauptcharaktere in Rückenwind von vorn, und so kam mir natürlich die ein oder andere Situation erschreckend bekannt vor. Einige Szenen und Handlungen mögen da zwar etwas zu überzeichnet und übertrieben sein, doch angesichts des Genres des Films war das noch völlig im Rahmen.

Im anschließenden Q&A mit dem Filmteam wurde verraten, dass der Film über gar kein Drehbuch verfügte. Es gab lediglich ein achtseitiges Treatment, das den Kern des Werkes umfasste, doch der Rest wurde während der Dreharbeiten mehr oder weniger improvisiert. Ungewöhnlich, aber vielleicht wirkt der Film auch genau deswegen so frisch und authentisch. An die Schauspieler stellt eine solche Herangehensweise natürlich eine besondere Herausforderung. Victoria Schulz (Charlie) hat gestanden, dass sie angesichts dieser Umstände durchaus einen gewissen Druck bei den Dreharbeiten verspürt hatte – anzumerken ist ihr dies in dem Film jedoch ganz und gar nicht. Sie spielt wirklich wunderbar befreit und glaubwürdig. Ich kannte die Darstellerin zuvor nicht, aber ich bin mir sicher, dass wir künftig noch mehr von ihr sehen werden. Das übrige Ensemble steht ihr da zwar ein wenig nach, doch ingesamt weist Rückenwind von vorn bis in die Nebenrollen hinein einen absolut überzeugenden Cast auf.

Fazit

Rückenwind von vorn ist erfrischend und warmherzig. Die Thematik des Erwachsenwerdens, mit der sich ein jeder Mensch zu gegebener Zeit zwangsläufig auseinanderzusetzen hat, wird mit einer überraschenden “Beschwingtheit” transportiert, ohne jedoch die ernsthaften Töne zu verschweigen. Ich wurde wirklich mehr als positiv überrascht und kann eine klare Sehempfehlung aussprechen – und zwar nicht ausschließlich für Endzwanziger und Anfangdreißiger (auch wenn diese sich natürlich besonders wiedererkennen dürften).

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© Darling Berlin

 

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Mir gefällt die intellektuelle Selbstbezeichnung als Cineast eigentlich nicht, da in ihr, wie ich finde, immer ein gewisses Maß an Arroganz mitschwingt. Jemand nannte mich mal augenzwinkernd "cinephil", was ich eigentlich ganz nett und passend fand, doch an und für sich kann man auch einfach schlicht sagen, ich schaue gerne Filme. Darüber hinaus teile ich offenkundig anderen Menschen auch gerne meine Meinung über das Gesehene mit - ob sie nun wollen oder nicht. MovicFreakz.de bietet mir dabei die Möglichkeit, insbesondere Personen aus der Gruppe der Freiwilligen zu erreichen, die ebenso gerne Filme schauen wie ich und an meiner Meinung (und der Meinung der anderen Autoren) interessiert sind. Ein bevorzugtes Genre habe ich dabei nicht, obwohl ich natürlich das eine mehr, das andere wiederum etwas weniger präferiere, das ist doch ganz normal. So kann ich mit Komödien und reinen Actionfilmen in der Tat weniger anfangen, auch wenn Ausnahmen in diesen Gattungen die Regel bestätigen. Ich lege großen Wert auf Charaktere und deren glaubwürdige Zeichnung und möchte emotional berührt und zum Nachdenken angeregt werden. Zu meinen Lieblingsfilmen zählen Werke wie "Pans Labyrinth" und "The Prestige" ebenso sehr wie "2001" oder "Der schmale Grat".

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